Pincamp.de und ADAC Campingführer - Quo vadis?
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ADAC Campingführer und Pincamp – Quo Vadis?

Mit Pincamp hat der ADAC ein respektables Portal für die Suche nach Campingplätzen geschaffen. Parallel vertreibt er weiterhin seinen ADAC Campingführer als gedrucktes Buch. Doch hat dieses überhaupt noch eine Berechtigung neben Pincamp?

Und wo geht die Reise für Pincamp und den ADAC Campingführer in der Zukunft hin? Wir haben uns einmal ein paar kritische Gedanken gemacht.


Wirtschaftliche Erwägungen haben Priorität vor den Interessen der Mitglieder

Grundlage unserer Überlegungen zu Pincamp.de und dem ADAC Campingführer ist unsere Wahrnehmung des ADAC als Betreiber beziehungsweise Herausgeber.

Der ADAC wurde 1903 als Verein gegründet. Mittlerweile hat er sich zu einem komplexen Konzern gewandelt, der aus dem ursprünglichen Verein, einer Aktiengesellschaft und einer Stiftung besteht. Die Abkürzung ADAC steht für “Allgemeiner Deutscher Automobil-Club”.

Die Fokussierung auf die namengebenden Begriffe “Automobil” und “Club” scheint jedoch zunehmend abhanden zu gehen. Bezeichnenderweise liefert die Suche nach dem Begriff “Automobil” keinen Treffer auf der Startseite von ADAC.de. Die Suche nach “Club” liefert immerhin einen Treffer, allerdings nur in dem zusammengesetzten Begriff “Clubmagazin”.

So verwundert es auch nicht, dass der ADAC sich, wie es scheint, nicht mehr in erster Linie als Interessenvertreter der Automobilisten und der Automobilwirtschaft versteht. War die ADAC Motorwelt jahrzehntelang ein einflussreicher Ort der öffentlichen Reflektion, Diskussion und Stellungnahme zu verkehrspolitischen Inhalten, so wurde jetzt mit der postalischen Zustellung die Massenwirkung aufgegeben.

Die Erscheinungsfrequenz des Clubmagazins wurde reduziert und die redaktionelle Gestaltung ausgegliedert, um die Zeitschrift für Inserenten attraktiver zu machen. Gleichzeitig gibt sich der Club gefälliger, indem er die strikte Ablehnung eines Tempolimits auf Autobahnen aufgibt. Mehrwerte für seine Mitglieder zu schaffen hat nicht mehr Priorität.

Die Erlöse aus den mannigfaltigen Unternehmungen, die unter dem Dach der ADAC SE betrieben werden und ursprünglich sicher zum Wohle der Mitglieder waren, sind zum Selbstzweck geworden.

Die Weichenstellungen aus rein wirtschaftlichen Erwägungen gehen mittlerweile so weit, dass sie sich gegen die Interessen der Clubmitglieder schädlich auswirken. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Einführung von Pincamp und insbesondere der Direktbuchungsmöglichkeit.

Auf den ersten Blick stellt Pincamp.de eine komfortable Ergänzung des ADAC Campingführers dar. Doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich ein paar weniger schöne Auswirkungen für uns Camper und den Campingsektor.

Disruptive Wirkung von Pincamp auf den Campingsektor

Aufgrund der Marktmacht des ADAC wird Pincamp.de eine ähnlich disruptive Wirkung auf den Campingsektor entfalten, wie vergleichbare Aggregatoren im Hotel- oder Versicherungsmarkt.

Nicht nur die Bewertung der Plätze wird über Wohl und Wehe entscheiden. Damit Aufenthalte direkt gebucht und verglichen werden können, bedarf es einer normierten Preisstruktur und einheitlicher Buchungsbedingungen, die von der Plattform vorgegeben werden. Preise werden transparenter und einheitlicher.

Was für uns Kunden sicher von Vorteil ist, nimmt den Campingplatzbetreibern einen Teil ihrer Preisgestaltungsmöglichkeiten und somit einen Teil ihrer unternehmerischen Freiheit und Diversifikationsmöglichkeit.

Vermutlich wird es zu einer Konzentration der Webseitenaufrufe auf eine monopolistische Plattform kommen. Die Chancen stehen aufgrund der Möglichkeiten des ADAC gut, dass Pincamp diese Plattform wird. Mit dieser Konzentration einhergehend werden kleinere Vergleichsportale verdrängt und ein Großteil der Buchungen dürfte zukünftig über Pincamp erfolgen.

Damit dürfte es ein Campingplatz, der auf Pincamp nicht stattfindet, zukünftig schwerer haben, neue Gäste zu gewinnen. Infolge dessen dürften Campingplätze trotz des Campingbooms in Existenznöte geraten, nicht zuletzt weil der ADAC sich ein Stück aus der Marge der Campingplätze in Form der Vermittlungsprovision abschneiden will.

Sollte es Campingplätzen gelingen diese Provisionen in Form von Preissteigerungen an die Gäste weiterzugeben, werden wir Camper die Zeche mit einem insgesamt höheren Preisniveau für unsere Campingurlaube bezahlen.

Aufweichung  der Qualitätsstandards

Der ADAC Campingführer stand traditionell mit seinen Bewertungen durch die ADAC Inspektoren für Objektivität, Neutralität und einheitliche, transparente Bewertungsstandards. Bereits in der Vergangenheit hat auch der ADAC Campingführer diese Bewertung selbstverständlich monetarisiert. Neben den Bewertungen gab es seit jeher zusätzliche werbende Hervorhebungen einzelner Campingplätze.

Diese waren jedoch klar von den redaktionellen Inhalten getrennt. Mit der Verlagerung in das Internet verschwimmt diese Trennung. Teil des Leistungsangebots von Pincamp ist die Hervorhebung von einzelnen Angeboten in Abhängigkeit von der Zahlungsbereitschaft des Betreibers.

Für uns Camper bedeutet das, dass wir nicht mehr das für uns beste Angebot präsentiert bekommen, sondern das für den ADAC profitabelste. Und wie wir es bereits von anderen Aggregatoren, Suchmaschinen und Anzeigenportalen gewohnt sind, ist nicht klar erkennbar, warum welches Angebot an welcher Stelle gelistet wird.

ADAC Produktangebot Pincamp (Stand: 07.06.2020)
ADAC Produktangebot Pincamp (Stand: 07.06.2020)

Darüber hinaus stellt Pincamp die Bewertungen der Gäste in den Vordergrund. Statt einer ausführlichen Bewertung durch den Inspektor kann jeder, der sich dazu berufen fühlt, eine Bewertung abgeben.

Grundsätzlich ist das ja eine schöne Sache. Wenn da nur nicht die negativen Auswüchse wären, die vom Kauf wohlwollender Bewertungen bis hin zum gezielten Niedermachen des Wettbewerbers reichen.

Private Rezensenten neigen dazu, ihren Empfindungen freien Lauf zu lassen. Kleine Abweichungen von der Erwartung werden überdramatisiert und positive Aspekte vernachlässigt.

Darüber hinaus tendieren Privatpersonen dazu überhaupt nur dann von ihren Erfahrungen zu berichten wenn sie unzufrieden sind.

Zusammenfassend entsteht ein verzerrtes Gesamtbild, welches sich aus subjektiv geprägten Einzelmeinungen zusammensetzt.

Einstellung des ADAC Campingführer

Denkt man die oben genannten Entwicklungen konsequent zu Ende wird es mutmaßlich zwei weitere Konsequenzen geben.

Zum Einen wird die Auflage des ADAC Campingführer voraussichtlich sinken. Mit einer sinkenden Auflage werden die Werbeplätze im Buch unattraktiver und die Kosten für seine Herstellung steigen. Letztendlich wird er in Folge sicher früher oder später eingestellt.

Wenn es keinen ADAC Campingführer mehr gibt, dann gibt es keinen Bedarf mehr für die Akquise von Anzeigenkunden. Natürlich wissen wir nichts über die Art und Weise der Gewinnung der Anzeigekunden. Wir können diesbezüglich nur spekulieren. Wir nehmen aber an, dass  es Teil der Aufgabe der Inspektoren ist, die inspizierten Campingplätze vor Ort als Anzeigenkunden zu akquirieren. Mutmaßlich wird ein Teil ihrer Vergütung aus Provisionen bestehen.

Mit einer eventuellen Einstellung des ADAC Campingführer und der Etablierung des Online-Vertriebs, würde dieser Teil der Aufgabe und Vergütung entfallen.

Mit zunehmendem Bestand an Bewertungen durch Gäste bedarf es außerdem keiner Vor-Ort-Inspektionen mehr. Folglich ist anzunehmen, dass sich der ADAC über Kurz oder Lang auch von den Inspektoren trennen wird.

Fazit

Obwohl uns Pincamp.de durchaus gefällt und wir es rege nutzen, sehen wir die Entwicklungen kritisch. Unsere Kritik trifft sicher nicht spezifisch die Leistungen des ADAC sondern gilt analog für andere Branchen. Wir sehen hier die Schattenseiten des Internet.

Was diesen Fall jedoch von anderen Portalen und Vergleichern unterscheidet, ist, dass der Betreiber ein Verein ist, der eigentlich im Interesse seiner Mitglieder agieren müsste, stattdessen wirtschaftlichen Motiven den Vorzug gibt. War der ADAC bislang mehr oder weniger neutraler Marktbeobachter so wird er mit der Einführung der Direktbuchungsmöglichkeit zum aktiven Marktteilnehmer und Marktplatzbetreiber. Damit hat er das Potential, einen ganzen Wirtschafts-Sektor durcheinander zu wirbeln.

Wir glauben, dass der ADAC damit seiner Verantwortung nicht gerecht wird.

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